Blickwinkel und Beweggründe

Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.

Wilhelm von Humboldt

Ute: Während eines Aufenthaltes in der Neurologie sagte Walter zu mir: „Ich werde in ein Wohnprojekt für an Parkinson Erkrankte ziehen!“ Sofort sagte ich: „Da komme ich mit!“

Ja, ich will weiterhin zusammen mit Walter leben. Wenn die Schritte immer kleiner werden und mehr und mehr Hilfe nötig wird, möchte ich ihm zur Seite stehen, mich selber aber nicht aufgeben müssen. Ich erhoffe mir vom Wohnprojekt eine gute Zeit, frei von Sorgen um den Erhalt des jetzigen Hauses. Denn auch ich werde immer älter. Verständnisvolle Nachbarn, ambulante Hilfen und Angebote künstlerisch aktivierender Verfahren können mir bei der Bewältigung des Alltags helfen und Leichtigkeit in mein Leben bringen.

Solange es gemeinsam für Walter und mich geht, will ich immer wieder Zeiten in unserem Ferienhaus in Schweden verbringen, um dann zurück in unser neues Zuhause zu kommen. Von unserer Wohnung möchte ich als Rückzugsort Gebrauch machen. Treffen möchte ich mich mit Gleichgesinnten in den Kommunikationsinseln, denen unterschiedliche Themen zugeordnet werden. Vielleicht Malen?

Meine große Hoffnung ist, dass auch Menschen ohne besondere Vorerkrankungen einziehen werden. Am allerliebsten hätte ich auch Kinder in meiner Nähe!

Christine: Schon seit langer Zeit ist mir klar, dass wir irgendwann aus unserem schönen Reihenhaus werden ausziehen müssen. Dieses Wohnprojekt bietet alles, was ich mir für unsere 

Zukunft wünsche - ich freue mich auf`s Einziehen!

Bernd: Die Chance als Mensch mit Menschen zu leben - Lebenskunst "lebendig" werden zu lassen!

Walter: Sie haben Parkinson!“ Schon die Diagnose haut mächtig aufs Gemüt. Tagelang wird das Internet bemüht, um mehr Informationen zu erhalten. Was zunächst bleibt sind wenige – dafür um so schwerwiegendere Fakten: ich leide an einer nicht heilbaren, fortschreitenden Krankheit, die am Ende mit Betreuung durch andere endet.

Wie weit geht die Betreuung?

Wer soll betreuen?

Zunächst sagt man: meine Frau, meine Partnerin, meine Freundin usw. Nach einer gewissen Zeit realisiert man, dass man das zu zweit nicht schaffen kann. Ich will auf keinen Fall, dass meine Partnerin reduziert wird auf eine Betreuungskraft. Sie ist meine Liebe, meine Frau, meine Partnerin, mein Korrektiv , sie ist die Mutter meiner Kinder. Sie ist das Wichtigste in meinem Leben und wir sind seit 40 Jahren zusammen.

Nach den Erfahrungen mit meiner Mutter, die schlagartig in die Heimbetreuung gebracht werden musste, kann ich eines sagen: „Ich will da nicht hin.“ Ich werde ihren Blick nicht vergessen, als sie in ein Zweibettzimmer in einer ihr gänzlich unbekannten Umgebung einziehen musste, nicht mehr in der Lage, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Da war mir klar: „ Betreutes Wohnen in einem Heim ist nicht mein Weg!“ Ich werde alles tun, um das zu verhindern.

Ich werde alles dafür tun, um in einer Wohngemeinschaft zu leben. Dort bin ich einer unter vielen, die alle um die Krankheit und ihre Folgen wissen. Dort bin ich immer noch ich und meine Partnerin kann ihr Leben weiterhin so führen, wie sie es will. Sie legt fest, wann und wie viel Betreuung sie machen möchte, ohne sich selbst aufzugeben. Sie weiß, dass ich in der WG gut aufgehoben bin, auch wenn sie mal mehrere Tage nicht da ist. Um mich herum sind Freunde, gute Nachbarn, verständnisvolle Mitmenschen und hilfsbereite Mitbe-wohner. Ute und ich können weiterhin unser Leben führen in der Gewissheit, nie ganz allein zu sein.